Wanderung durch vier Länder
„Ein Mal noch durch die Berge wandern“ hatte ich schon als unerfüllbaren Traum abgelegt, weil Hüttenübernachtungen, einen schweren Rucksack tragen und an steilen Hängen entlang hangeln noch nie meine Leidenschaft waren. Trotzdem hat mich die Bergwelt immer gereizt.

Im letzten Jahr schlug mein Mann vor, eine organisierte Alpenüberquerung auf leichten bis mittelschweren Wegen mit Gepäcktransport und Hotelübernachtungen zu buchen. Es hörte sich alles gut und durchaus machbar an: 4 Länder in 7 Tagen durch spektakuläre Landschaften auf nicht überlaufenen Pfaden. So buchten wir für Juli 2026 unsere organisierte, aber individuelle Wanderreise.
Bei näherer Beschäftigung kamen mir Zweifel, ob für Flachländer wie uns mal 700 hm aufwärts, mal 1.000 hm abwärts nicht ein bisschen viel sind. Also bereiteten wir uns schon bei unserer Reise im Frühjahr nach Frankreich im Luberon auf An- und Abstiege über Geröllwege vor und liefen in Bremen regelmäßig zwei Mal die Woche auf den Finnbahn.
Vor zwei Wochen war es dann soweit. Unsere Tour startet.
Tag 1 Anreisetag
Ankunft im Kleinwalsertal
Mit dem Auto fahren wir bis Immenstadt, wo es auf einem Parkplatz eine günstige Möglichkeit gibt, das Auto für eine Woche zu parken. In Oberstdorf ist die Gebühr in der Regel sehr hoch (20 Euro pro Tag). Mit dem Ersatzverkehrsbus kommen wir nach Oberstdorf. Von dort überqueren wir mit dem Walserbus die erste Landesgrenze und kommen nach Österreich zu unserem Starthotel in Riezlern im Kleinwalsertal. Das Kleinwalsertal gehört als Zollausschussgebiet wirtschaftlich zu Deutschland und hat daher neben der österreichischen Postleitzahl auch eine deutsche.
Unser erstes Hotel (Almhof Rupp) liegt etwas abseits von der Straße und bietet vom Balkon aus einen herrlichen Blick auf die Berge. Schon jetzt fällt uns die üppig sommerliche Flora auf, die uns auch in den kommenden Tagen immer wieder erfreuen wird. Sauna- und Schwimmbadnutzung im Hotel wären möglich. Da wir noch relativ früh dran sind, nutze ich die Zeit lieber für einen Bummel durch den Ort. Beim Gang über den Friedhof Richtung Zentrum fällt mir auf, dass auf den Gräbern überall Fotos von den Verstorbenen zu sehen sind. Das Zentrum bietet vielfältige Einkaufs- und Einkehrmöglichkeiten. Im derzeit geschlossenen Walsermuseum wird das Brauchtum im Tal dokumentiert. Ersatzweise zeigt eine Ausstellung über Trachten in der Stern-Passage, wie diese in ihrer bunten Vielfalt bis heute im Kleinwalsertal zu festlichen Anlässen getragen werden.






Tag 2, Etappe 1
Vom Kleinwalsertal nach Lech
Für die erste Etappe hat der Veranstalter eine Alternativroute zur der 1.000 hm aufwärts und 600 hm abwärts verlaufenden Route für schlechtes Wetter vorgeschlagen. Diese ist kürzer, führt durchs Bärgunttal und soll mit NUR 700 hm aufwärts und 250 hm abwärts weniger anstrengend sein.
Wir fahren mit dem Bus bis zur Endhaltestelle im Kleinwalsertal nach Warth. Der Weg beginnt auch sehr moderat bis zur Bärgunt-Hütte. Leider ist es zu früh für eine Einkehr, so dass wir gleich weiterwandern in Richtung Hochalppass. Zunächst geht es über einen Serpentinenweg durch Latschenfelder gefolgt von einer brachen Fläche, hinter der uns ein für Flachländer durchaus anstrengender Anstieg erwartet. Oben angekommen ist die Aussicht herrlich. Der Abstieg bis zur Bushaltestelle beim Hotel Adler ist zum Schluss ein längeres Stück ziemlich steil. Wir sind froh als wir unten ankommen und entscheiden uns für den Bus.
Fazit zum ersten Wandertag: anstrengender als gedacht, aber keine Schmerzen in den Gelenken und kein Muskelkater.
In der Hotel Pension Café Fritz in Lech am Arlberg erwartet uns ein Zimmer mit Badewanne, wovon ich gerne Gebrauch mache. Die Kraft reicht für einen Bummel durch den Ort. Ich besichtige die Kirche zum Heiligen Nikolaus (alt). Sie geht auf die erste Kirche (Mutter aller Kirchen) in Tannberg um 1300 zurück. In kostbare Stoffe gekleidet befindet sich am rechten Seitenaltar das Skelett des Heiligen Placidus, das angeblich aus den Katakomben Roms stammt. Die Anwesenheit der Reliquie sollte Schutz bieten und der Heilige Fürsprecher vor Gott sein. Allerdings handelt es wohl dabei nicht um die echten Gebeine, die auch an anderen Orten zu finden sein sollen.
Der Wirt berichtet uns am nächsten Morgen von den vielen Ausflugsmöglichkeiten, die mit der Lech Card im Sommer vom Hotel aus zu erreichen sind. Es ließe sich sicherlich auch gut eine Woche im Lechtal verbringen.






Tag 3, Etappe 2
Vom Lech am Arlberg über die Ravensburger Hütte nach Klösterle
Heute: 550 hm bergauf, 950 hm bergab, ca. 14 km, höchster Punkt: 2009 m
Wir starten direkt vom Hotel aus. Inzwischen kennen wir die 7 Personen, die mit uns dieselbe vom Veranstalter organisiert Strecke gehen und so folgen wir vertrauensvoll einfach dem Paar aus dem Rheinland. Zunächst geht es gemütlich am Fluss entlang, mal links, mal rechts, dann beginnt ein leichter Aufstieg Richtung Wasserfall/Ravensburger Hütte. Stetig bergauf gelangen wir über das Stierlochjoch (2009 Meter) endlich an den höchsten Punkt der Etappe. Bis zur Ravensburger Hütte müssen wir noch eine Weile durchhalten. Dort können wir uns mit Gulaschsuppe und Kaiserschmarrn und einem kühlen, alkoholfreien Weizen belohnen.
Für uns gewöhnungsbedürftig ist das Gefühl, auch wenn die Wege nicht überlaufen ist, uns doch stetig im Treck mit anderen Menschen fortzubewegen. Von unseren Wanderungen sind wir sonst gewohnt nur ab und zu jemandem zu begegnen. Der Abstieg fällt uns nicht leicht, mein Knie schmerzt und so ergreifen wir die Gelegenheit zu einer Pause an der Alpe Spulers-Grabs, die umbewirtschaftet, aber per Selbstbedienung im Brunnen gekühlte Getränke anbietet. Wir setzen uns in den Schatten und genießen den Ausblick. Durch diese Verzögerung sind wir plötzlich allein unterwegs. Der Weg bis nach Klösterle, unserem Zielort, verläuft stetig bergab über teils recht steinige Abschnitte. Unten angekommen geht es mit dem Bus zum Hotel Arlberg Stuben, in einem Ortsteil von Klösterle. Die Entstehung von Stuben am Arlberg reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück. Der Ort diente schon damals als letzte Raststätte vor der Arlberg-Passhöhe und verdankt seinen Namen vermutlich einer Wärmestube der Johanniter, die Reisenden, Säumern und Fuhrleuten Schutz – „Feuer, Wasser und Obdach“ – bot. Heute gibt es hier eigentlich nur Unterkünfte und so bedauere ich nicht, dass mir die Kraft für weitere Erkundungen fehlt. Unser Abendessen in der gemütlichen Gaststube – wir hatten Halbpension gebucht – besteht heute aus Hummus, Vorsuppe, Zanderfilet mit reichlich Gemüse und Kartoffeln und einer Creme mit Beeren zum Nachtisch. Köstlich.






Tag 4, Etappe 3
Vom Klosterthal mit der Sonnenkopfbahn über das Muttjöchle nach Schruns
250 hm bergauf, 650 hm bergab, 7,5 km, höchster Punkt: 2.074 m
Da wir herrliches Wetter haben, Sonnenschein und bisher fast keinen Regen, starten wir in die nächste Etappe gleich um 9 Uhr mit dem Bus. Im Laufe des Tages bewirkt auch in den Bergen die Sonne, dass wir beim Laufen kräftig ins Schwitzen kommen. Mit der „Sonnenkopfbahn“, einer Kabinenseilbahn, geht es auf rund 1840 m hoch. Von hier sind es nur wenige (250) Höhenmeter bis zum Gipfelkreuz des Muttjöchles. Mein Mann schreitet zügig voran und da die Gelenke sich über Nacht erholt haben, fällt uns der Aufstieg bis auf die letzten Meter nicht so schwer. Ich bin nicht ganz schwindelfrei, darum halten wir uns nicht lange am Gipfelkreuz auf, auch wenn die Aussicht spektakulär ist. Auf der anderen Seite geht es anfangs vorbei an Steinfeldern immer weiter bergab zur Bergstation Kristberg. Die Beschreibung des heutigen Tages hatte uns etwas in die Irre geführt. Der Weg abwärts dauert gefühlt ewig und ist leider auch recht steil, so dass wir uns sehr auf das Laufen konzentrieren müssen.
Wir übernachten in Schruns im Hotel Auhof, schön ruhig am Ortsrand. Da es das Abendessen in der Innenstadt im Josephsheim gibt, müssen wir noch mal aufbrechen, was aber doch nicht so schwer fällt. Schruns hat die größte Einwohnerzahl im Montafon. Der Tourismus ist die Haupteinnahmequelle, aber auch Schulen, kleinere Betriebe und soziale Einrichtungen prägen den Ort.






Tag 5, Etappe 4
Von Schruns nach Klosters
Für heute steht eine Wanderung über das Schlappiner Joch nach Klosters auf dem Programm. Da wir die lange Strecke bergab am gestrigen Tag als sehr anstrengend empfunden haben, nehmen wir die Alternative mit dem Zug nach Feldkirch. Eine Mitwanderin schließt sich uns an. Sie fühlt sich nicht so fit und möchte die Gruppe (weitere vier Personen) nicht behindern. Feldkirch ist die zweitgrößte Stadt in Vorarlberg. Sie liegt am Ausgang des Illtals und grenzt an Liechtenstein und die Schweiz. Das mittelalterliche Stadtbild zählt zu einem der am besten erhaltenen in Vorarlberg. Um die Stadt vom Verkehr zu entlasten, wird an einem Stadttunnel gebaut, der Ende 2030 fertig gestellt sein soll. Uns fällt auf, das der ÖPNV in Österreich einen hohen Stellenwert hat. Um das heutige Ziel mit dem ÖPNV zu erreichen, müssen wir zwar häufiger umsteigen. Dies ist absolut unproblematisch.
In Feldkirch schlendern wir durch die Innenstadt. In der Johanniterkirche, einer ehemaligen Kirche, heute Kultureinrichtung, sehen wir eine Installation von Matthias Kessler. Drei Verwandlungen, wie die langsame Auflösung eines menschlichen Schädels in Form von Korallen, stehen für unseren epochalen Zustand der Schwebe. Beeindruckend, wenn auch ein bisschen sehr apokalyptisch.
Mit dem Schienenersatzbus wollen wir zunächst nach Sargans fahren. Wir steigen in den falschen Bus ein und sind in einem Regionalbus, der für die Fahrt länger benötigt. So kommen wir auch noch nach Liechtenstein. Ich hätte nicht gedacht, dass uns eine so weite Strecke durch das Fürstentum führt. Es ist der viertkleinste Staat in Europa.
Von Sargans geht es mit dem Intercity eine Station nach Landquart. Von dort mit dem Regional Express nach Klosters Platz (Schweiz). Alles pünktlich ohne lange Wartezeiten. Wir sind schön früh dran. Heute übernachten wir im Parkhotel und ich kann mir ein zweites Mal die Badewanne gönnen.
Beim Abendessen erfahren wir, dass die Strecke abwärts wirklich wieder sehr anstrengend war. Ein Mitwanderin hat sich leider den Fuß verletzt. Schweren Herzens muss sie auf den morgigen Abschnitt, der der schönste auf der Wanderung sein soll, verzichten.



Tag 6, Etappe 5
Von Klosters über Guarda nach Scuol
350 hm bergauf, 500 hm bergab, 14,5 km, höchster Punkt: 1.680 m
Wieder einmal müssen wir morgens früh los, da uns ein heißer Tag erwartet. Mit dem Bus geht es um 8:32 Uhr nach Guarda Stazium. Von dort nimmt uns der Dorfbus die steile Strecke nach Guarda-Pitschen mit, einem rätoromanischen Ort mit ursprünglichen Steinhäusern. Wir passieren den malerischen Ort dennoch zügig, da der eigentliche Weg vor uns liegt. Es geht über sanfte Hügel und Wiesen mit Blick auf die umliegenden Höhenzüge angenehm voran. Leider biegen wir ein Mal in die falsche Richtung den Berg aufwärts ab. Trotz der gut wanderbaren Strecke freuen wir uns am Ende an einem Badesee anzukommen. Badebekleidung haben wir aufgrund der Tourbeschreibung dabei. Von Ftan fahren wir mit dem Postbus nach Scuol, wo wir im Hotel Gabriel übernachten.
Der Wirt weist schon bei unserer Ankunft darauf hin, dass er für alles zuständig ist: Empfang, kochen und servieren. Er zeigt uns die Terrasse, auf der uns das Abendessen ab 18 Uhr serviert werden soll. Aufgrund der geringen Anzahl von Tischen bittet er uns zusammen zu rücken. So sitzen wir an einem Tisch mit einer Mutter und ihrem 18-jährigen Sohn. Was uns gefallen hat, die sanften Hügel, war für Mutter und Sohn eine eher langweilige Tour. Zu wenig Gipfel. Bis der Wirt uns den Nachtisch serviert, ist es fast 20 Uhr und wir hatten ausgiebig Zeit uns über die einzelnen Touren auszutauschen.






Tag 7, Etappe 6 Von Scuol nach Burgeis im Vinschgau (Italien)
Für den Tag sind abermals Temperaturen bis 30 Grad vorhergesagt. Wir beschließen, auch wenn es die letzte Etappe mit allerdings 15 km ist, uns eine eigene Wanderalternative zu suchen. Wir fahren mit dem Bus nach Pfunds und steigen dort in den Bus in Richtung Burgeis. Wir hatten uns die Strecke herausgesucht, um nach dem Reschenpass entweder am Reschensee oder am Haidersee entlang zu wandern. Wir nehmen den Haidersee, von wo wir direkt bis nach Burgeis weiterwandern können. Nach einer Einkehr im Gartenlokal Zeress und Ruhepause am See beginnt unsere letzte Wanderetappe. Mit Blick auf die Berge laufen wir entlang eines Fahrradweges direkt nach Burgeis rein. Es ist ein schönes Gefühl, dass uns unsere letzte Wanderetappe direkt zum Hotel führt. Im Mohrenwirt erhalten wir unsere Zertifikate und Alpenüberquerer-Anstecker. Hier hätten wir ein letztes Mal die Möglichkeit Schwimmbad und Sauna zu nutzen. Stattdessen stoßen wir in der Dorfbar auf unsere „erfolgreiche“ Alpenüberquerung an. Das Abendmenü, das dann auf uns wartet, versöhnt mit dem letzten Zweifel, ob uns die Tour gefallen hat.




Ja, ja, ja, es war toll und auch ziemlich anstrengend!
Tipps und Hinweise:
- Auch bei einer moderaten Alpenüberquerung führen die Wege mal etwas steiler bergauf und bergab. Es ist wichtig vorher eine Test-Wanderung über steinige Wege bergauf, wie auch immer, durchgeführt zu haben.
- Unbedingt eingelaufene Wanderschuhe nutzen.
- Wanderstöcke entlasten die Gelenke und geben Sicherheit.
- Einen Veranstalter wählen, der auch Alternativrouten mit dem ÖPNV ausweist. Eine Alternativroute kann dann über selbst gewählte einfache Wanderungen ergänzt werden.
- Die eigenen Kräfte im Blick behalten. Eine Alternativroute sollte nicht erst nach einer. Überforderung gewählt werden. So bleibt das Gefühl, den Tag mit dem eigenen Programm gut genutzt zu haben.
- Wir hatten jede Menge Müsli-Riegel mit, die für den Notfall eine gute Nahrungsquelle sind, denn es gibt nicht immer Einkehrmöglichkeiten.
- Eine Anreise mit der Bahn nach Oberstdorf ist möglich und dauert von Bremen ca. 10 Stunden.
Wir haben über den Veranstalter „Die Alpenüberquerung“, www.die-alpenueberquerung.com gebucht und waren insgesamt sehr zufrieden. Es gibt aber noch viele andere Anbieter. Bei der Auswahl sollte man darauf achten, dass die Tour möglichst den eigenen Kräften entspricht.








