Connecticut

LiteraTour – literarische Reise nach Connecticut

Die literarische Reise führt mich diesmal in den Nordosten der USA nach Connecticut. Es werden Country Place und Zeiten des Aufruhrs näher vorgestellt.

Connecticut wurde am 9. Januar 1788 als 5. Bundesstaat in die United States of America aufgenommen.
Der Bundesstaat trägt den offiziellen Beinamen The Constitution State (Verfassungsstaat).
Der Beiname Provision State (Proviantstaat) bezieht sich auf Rolle als Proviantlieferant für die Kontinentalarmee während des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges
Nickname: Nutmeg State (inoffiziell)
Die Hauptstadt von Connecticut ist Hartfort.

Von TUBS – CC BY-SA 3.0

Wohlstand

Connecticut ist ein wohlhabender Bundesstaat mit einer guten Gesundheitsversorgung und hervorragenden Bildungsmöglichkeiten (u.a. Yale University in New Haven). Der Staat liegt direkt am Atlantischen Ozean. Neben bewaldeten Flächen (ca. 50 % des Landes) gibt es hügelige Gegenden und flache Küstenebenen sowie im Hinterland die Ausläufer der Appalachen. In visit-usa.at lese ich, dass der Bundesstaat „blitzblank und aufgeräumt“ „mit seinen weißen Kirchen, den kleinen Geschäften und bunten Holzhäuschen wirkt“. Diesen Eindruck fand ich auch in Country Place und Zeiten des Aufruhrs bestätigt.

Besonderheit

Connecticut war einer der ersten Staaten, die sich für die Abschaffung der Sklaverei einsetzten.

Die mitgliederstärkste Religionsgemeinschaft ist die römisch-katholische Kirche. Connecticut ist eine der stärksten demokratischen Hochburgen in den USA.

Ausgewählte Bücher mit Handlungsort Connecticut

Anne Petry
Country Place
Originaltitel: Country Place
Nagel und Kimche Verlag, 2021
320 S.
Kleinstadtidyll zerbricht
In dem ruhigen Provinznest Lennox (fiktiv) an der Mündung des Connecticut Rivers, bringt ein Sturm bei den Einwohnern einiges zutage. Der Roman spielt Mitte der 1940er Jahre. Johnnie Roane ist gerade als Veteran aus dem zweiten Weltkrieg zurückgekehrt, als der Sturm ausbricht. Mehr zu: Country Place
Richard Yates
Zeiten des Aufruhrs
Originaltitel: Revolutionary Road
Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), 2002
374 S.
Gesellschaftsroman in den 1950er Jahren
In einem Vorort von New York haben die Wheelers ein Häuschen, das sie sich leisten können, gefunden, in dem sie mit ihren beiden Kindern wohnen. Und plötzlich müssen sie feststellen, dass dadurch ihre Träume von einem anderen Leben unmöglich scheinen.
Mehr zu Zeiten des Aufruhrs
John Updike
Heirate mich!
Originaltitel: Marry Me
Rowohlt Taschenbuch, 1982
304 S.
Eine Romanze?!
Connecticut in den 1960er/70er Jahren. Jerry liebt Sally, ist aber mit Ruth verheiaratet. Updike erzählt die Geschichte von zwei Ehepaaren aus der Sicht eines Beobachters. Es geht um die Schwierigkeit, Entscheidungen zu fällen, was besonders von Jerry verkörpert wird. Zumal Jerry sich nicht sicher ist, ob Sally ihn nur will, weil sie ihn gerade nicht haben kann? Ein satirischer Beziehungsreigen. Der Roman fängt die Stimmung der Zeit, das Aufeinanderprallen von traditionellen Werten und sexueller Revolution, treffend ein.
Das Buch erschien 1976, in dem Jahr, in dem sich Updike scheiden ließ.
Jodi Picoult
Kleine große Schritte
Small Great Things
Hörbuch
Sprecher: Rysopp, Beate; Pages, Svenja; Stiere, Frank / Übersetzer: Peschel, Elfriede
Gekürzte Lesung
Verlag AUDIOBUCH, 2017
459 Min.
Gesellschaftskritisches Justizdrama
Ein Krankenhaus in Connecticut: Die afroamerikanische Säuglingsschwester Ruth Jefferson und der weiße rechtsradikale Turk Bauer, der gerade seinen neugeborenen Sohn verloren hat, stehen einander gegenüber. Der Vater hatte darauf bestanden, dass keine schwarze Krankenschwester sein Kind berühren dürfe. Als ein Notfall eintritt, steht Ruth vor einem Dilemma. Soll sie trotz des Verbots eingreifen? Andere Pflegekräfte kommen dazu, doch der Junge ist nicht mehr zu retten. Daraufhin will Turk Bauer Ruth zur Verantwortung ziehen, die von der Klinikleitung im Stich gelassen wird. Jodi Picoult erzählt die Geschichte aus Sicht der Krankenschwester, aus Sicht des Vaters und aus Sicht der Pflichtverteidigerin Kennedy McQuarrie. Die dreifache Perspektive leuchtet die Situation differenziert aus. Ich war von dem Hörbuch beeindruckt. Die Geschichte ist spannend, stimmt nachdenklich, wenn sie auch in der Mitte etwas aufgebauscht erscheint.
Ocean Vuong
Auf Erden sind wir kurz grandios
Original: On Earth We’re Briefly Gorgeous
Übersetzung: Anne-Kristin Mittag
Carl Hanser Verlag, 2019
272 S

Coming of age – Brief an die Mutter
Ocean Vuong, Sohn einer vietnamesisch-amerikanischen Mutter, kam im Alter von zwei Jahren in die USA, nach Connecticut. Er war das erste Kind in der Familie, das im Alter von elf Jahren lesen und schreiben lernte.
Ein Junge, genannt Little Dog, schreibt an seine vietnamesische Mutter. Er erzählt ihr, die nie richtig Englisch gelernt hat, von seinem ersten Freund, von dessen Drogenkonsum. Wir erfahren aber auch viel von der Mutter, ihrem Leben in Vietnam, ihren prekären Arbeitsverhältnissen und von Lan, der Großmutter, die aus einer Ehe geflohen, mit einem amerikanischen Soldaten, Rose, seine Mutter bekam. Vuong zeichnet ein eigentümlicher Schreibstil aus, der aus erzählenden Passagen und Gedichtfragmenten besteht. Ein Roman auf dessen besonderen Rhythmus ich mich nach anfänglichen Schwierigkeiten gut einlassen und damit etwas ganz Neuartiges entdecken konnte.
Matthew Sharpe
Eine amerikanische Familie
Aufbau Verlag 2006
336 S

Coming of age – Familiendrama
Belwether, Connecticut: Mit einem Antidepressiva-Cocktail befördert Bernie Schwartz sich ins Koma, aus dem ihn sein 16jähriger Sohn Chris, wieder aufpäppeln muss. Tochter Cathy liebäugelt als Jüdin mit dem Katholizismus und bändelt mit Frank an, dem einzigen Schwarzen weit und breit. Die etwas skurrile Familiensituation wird von Sharpe mit einer gehörigen Portion Sarkasmus und Humor aufs Korn genommen.
Leider ist das Buch im Handel nur noch gebraucht erhältlich.

Rezension

Country Place

Anne Petry
Country Place
Originaltitel: Country Place
Übersetzung: Pieke Biermann
Nachwort: Farah Jasmine Griffin
Nagel und Kimche Verlag, 2021
320 S.
harpercolins.de

Rückkehr nach Lennox

Es ist alles noch so wie vorher, denkt Johnnie, als er aus dem zweiten Weltkrieg in seine Heimat, die Kleinstadt Lennox in Connecticut, zurückkehrt. Und er merkt gleich bei seiner Ankunft, wie ihn die Heimat beengt.

Ihm fiel alles Mögliche ein, was er an Lennox nie hatte leiden können. Es lag nicht an dem, was der Fahrer gesagt hatte, er hatte die Lage der bescheidenen kleinen Kirche mit den drumherum gescharten Grabsteinen weder billigend noch missbilligend kommentiert. Die Erinnerungen kamen zurück wegen dieses ständigen verschlagen-zufriedenen Lächelns. Das war wie ein Wink, ein Knuff in die Rippen.

Jetzt fiel ihm wieder ein, dass überall geklatscht und getratscht wurde – im Postamt, im Gemischtwarenladen, im Drugstore und sonntags nach dem Gottesdienst vor den Kirchen. Diese Sorte Grinsen im Gesicht des kleinen Mannes hinterm Lenkrad stand für die ganze Selbstgefälligkeit und Selbstzufriedenheit der Stadt, für ihr hinterhältiges Gespött über andere.

Bitter muss er zudem feststellen, dass seine junge Ehefrau Glory ihn längst nicht so schmerzlich vermisst hat wie er sie. Trotzdem hofft Johnnie, dass sich das Verhältnis zwischen ihnen wieder einrenken lässt. Glory aber hat andere Pläne. Ausgerechnet Ed Barrel, der Frauenschwarm des kleinen Örtchens hat es Glory angetan. 

Und auch sonst herrscht in diesen Tagen kurz vor einem kräftigen Sturm Unruhe im Ort. Glorys Mutter Lil hat sich den gut betuchten Mearns Gramby als Ehemann gesucht. Nun sitzt sie — ebenfalls einst eine Geliebte von Ed Barrel — mit der Schwiegermutter wie eine Gefangene in einem herrschaftlichen Anwesen fest. Diese lässt Lil spüren, wie wenig sie in diese Umgebung passt.

Die Geschichte wird zum Teil aus der Sicht des Apothekers erzählt. Er blickt – quasi unbeteiligt – auf das Geschehen im Ort. Das Gegenstück zum Apotheker ist Wiesel, der Taxifahrer des Ortes. Er wittert in allen Ecken eine Geschichte, die sich aufbauschen und weitererzählen lässt.

Enge erdrückend

Johnnie träumt davon Künstler zu werden und nach New York zu ziehen.

Jetzt wollte er wieder weg. Diese Stadt – der kleine Mann da war ihr Ebenbild, und was aus seinem Mund kam, war ihr Denken -, diese Stadt war nicht groß genug, um ihn zu halten. 

Mearns Gramby erkennt nach dem Tod seiner Mutter die Habgier seiner Frau. 
Einzig das schwarze Dienstmädchen der Grambys und der puertoricanische Hausangestellte finden gemeinsam ihr Glück.

Hintergrund

Ann Petry kennt aus eigenem Erleben die Situation in einer Kleinstadt in Connecticut, in der die weiße Bevölkerung (WASP – White Anglo-Saxon Protestant) dominiert. Sie wurde 1908 in Old Saybrook, Connecticut, geboren. Ihre Familie war die einzige mit schwarzer Hautfarbe am Ort. Anders als in ihrem bekannten Roman „The Street“ stellt Petry in diesem Roman nicht die Situation der schwarzen Bevölkerung in den Vordergrund. Im Zentrum stehen ihre Beobachtungen des Kleinstadtlebens.

Ihr Blick auf die Stadt, so heißt es im Nachwort, dürfte der Perspektive von Johnnie Roane ähneln. Auch sie hat die Kleinstadt verlassen, fühlt sich durch ihre schriftstellerischen Ambitionen nach New York gezogen.
Ich fand das Buch bemerkenswert, auch wenn mir die Charaktere zum größten Teil einfach unsympathisch geblieben sind. Ohne Rassismus offen zu behandeln, werden unterschwellig existierende rassistische und antisemitische Einstellungen entlarvt.

Zeiten des Aufruhrs

Richard Yates
Zeiten des Aufruhrs
Originaltitel: Revolutionary Road
Aus dem Englischen von Hans Ulrich Wolf
Penguin Verlag, 2017
374 S.
penguin.de

Premieren-Desaster

April Wheeler wäre gerne Schauspielerin geworden, doch mit zwei Kindern sitzt sie in einem Vorort von New York fest, der durch seine Mittelmäßigkeit so gar nichts von den Träumen des jungen Ehepaars hat. Als April zu den Laurel Players, eine Laientheatergruppe, stößt, wird sie – wie die anderen auch – von einer Euphorie beseelt. April bekommt sogar die weibliche Hauptrolle, im Theaterstück „Der versteinerte Wald“. Gemeinsam probt die Gruppe den Sommer über und je näher die Premiere kommt, desto aufgeregter werden alle.

„Bis morgen“ riefen sie, wie glückliche Kinder auf der Heimfahrt im Mondschein kurbelten sie die Fenster ihrer Wagen hinunter und ließen die Luft mit ihren erquickenden Düften nach Lehmerde und frischen Blüten herein. Für manche der Laurel Players war es das erste Mal, daß sie die Ankunft des Frühlings bewußt zur Kenntnis nahmen.

Das war im Jahr 1955, und der Ort lag in Westconnecticut, wo man drei inzwischen gewachsene Siedlungen unlängst an einen breiten, tosenden Highway, die sogenannte Route Twelve, angebunden hatte. 

Am Premierenabend bekommt April Zweifel. Das Unglück beginnt, als sich der männliche Hauptdarsteller kurzfristig krank meldet. Der Regisseur, eigentlich vom Äußeren völlig ungeeignet, erklärt sich bereit einzuspringen. Doch die Darstellenden verheddern sich in der ungewohnten Situation im Text. Die Aufführung wird zum Flop. Frank, der auf seine Frau stolz sein wollte, ist bitter enttäuscht. Auf der Heimfahrt kommt es zum Streit zwischen den Eheleuten Wheeler.

Hoffnungsschimmer Frankreich

Während Frank in der Firma, in der schon sein Vater gearbeitet hat, tätig ist, hat April als Mutter zweier kleiner Kinder die Rolle als Hausfrau übernommen. Beide Ehepartner sind mit ihren Rollen unzufrieden. Frank beginnt ein Verhältnis mit einer Kollegin, das er aber nach kurzer Zeit wieder beendet. Die Unzufriedenheit der beiden wird immer hervorstechender, da hat April eines Tages die Idee, dem Leben einen neuen Impuls zu geben. Sie schlägt vor nach Frankreich auszuwandern. Sie möchte dort arbeiten, um Frank damit die Zeit zu ermöglichen, zu seiner eigentlichen Bestimmung zu finden. Eine dritte Schwangerschaft lässt diesen Traum der Selbstverwirklichung jäh platzen.

Biografische Parallelen

Der Roman zeigt deutliche Parallelen zu den ersten Ehejahren von Yates. Auch Yates fühlte sich von seiner Arbeit bei einem Computerhersteller gelangweilt, reduzierte seine Arbeitszeit, um schreiben zu können und zog für einige Zeit mit seiner Familie nach Redding/Connecticut, wo seine zweite Tochter 1957 geboren wurde. Er begann zu trinken und zog dann alleine nach New York. 1961 trennte sich seine Frau Sheila von ihm, im gleichen Jahr erschien der Roman „Revolutionary Road“, der ein Erfolg und später (2008) auch mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio verfilmt wurde.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, weil es das Leben in einer Vorstadtsiedlung in den 1950er Jahren mit seinen Fassaden und seiner Engstirnigkeit zeigt. Es ist eine Atmosphäre, die mir auch aus Kleinstädten in dieser Zeit in Deutschland bekannt ist. Die Umsetzung im Film hat mich angesprochen, aber ich war froh, das Buch bereits vorher gelesen zu haben, weil es noch tiefer in die Stimmung eintauchen lässt.